Wachstum auf’s Land tragen

schneiderfranziska/ Juni 10, 2018

Im Dorf XY – z. B. Gemeinde Spreenhagen, OT Hartmannsdorf …

… ist man von Wäldern, Feldern, Wiesen und Gewässern umgeben, genießt die Ruhe und frische Luft. Busse fahren, wenn sie überhaupt in erreichbarer Zeit fahren, so dass man zu früh oder zu spät am Ziel ankommt. Sonst ist man auf seinen eigenen PKW angewiesen, leistet sich ein Taxi oder ein Pferd. Der örtliche „Konsum“ und das „Kulturzentrum“ sind schon lange abgewickelt; den Gasthof gibt es noch. Sonstige Geschäfte: Fehlanzeige. Selbst landwirtschaftliche Produkte gibt es nicht mehr, von entsprechender oder anderer örtlicher Arbeit gar nicht zu sprechen. Arzt und Krankenhaus sind Kilometer entfernt. Schulen und Kitas werden nicht gebraucht, denn es wohnen hier nur noch die zurückgelassenen älteren Menschen. Kinder und Enkel sind weggezogen. Auf die Idee eines Altenheims ist noch kein Investor gekommen.

Die Stadt XY– z. B. Erkner …

… ist von Wäldern, Wiesen und Seen umgeben. Die Idylle stören indes im Sommer laute Motorboote. Das unbekümmerte Baden am Strand wird so häufig unterbrochen. Für den Bahnhof sind häufige, regelmäßige Zugverbindungen ausgewiesen. Das gesamte Bahnhofsumfeld ist dafür mit Autos und Fahrrädern zugestellt. Die Schadstoff und Lärmbelastung wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Kitas und Schulen platzen aus den Nähten. Nicht nur in den Stoßzeiten des Pendlerverkehrs stehen Busse, Lastwagen und Pkw sich auf der Hauptstraße die Reifen platt; auf den Gehwegen stört der endlose Strom der Radfahrer die Fußgänger und umgekehrt. Alle paar Kilometer gibt es Tankstellen, Geschäfte oder Dienstleistungsanbieter. Einfamilienhäuser protzen oder ducken sich, je nach sozialem Stand ihrer Bewohner, neben den komplexen sozialen Wohnungsbau. Weder hier noch dort gibt es leeren, vermietbaren Wohnraum. Die Arztpraxen für jung und alt, Allgemein-, Kinder- und noch mehr die Fachpraxen sind überfüllt. Kleinstädtische aber nicht weniger stolze Museen, Kultur und Sportzentrum ziehen Gäste aus der Region an.

Leben außerhalb des Speckgürtels nur für Reiche und Abgehängte?

So unterschiedlich die zwei Lebenswelten auch sind, sie haben gleichermaßen Vorzüge und Nachteile. Fakt ist: Die Situation des berlinnahen Raums spitzt sich in Richtung Unerträglichkeit zu. Auf dem Land das genaue Gegenteil: Reichenresort oder Friedhofsruhe?

Der Speckgürtel, also der berlinnahe Raum, wird gefragt bleiben; der ländliche bietet eine akzeptable Lebens-Alternative nur für wenige, die sich die Anbindung an die Metropole Berlin leisten können. Für die anderen gilt: Abgehängt, weil entweder Verkehrsanbindungen oder Ärzte oder oder oder fehlen.

Fazit und Handlungsweg

Eine Verlagerung der Vorteile aus dem Speckgürtel in die ländlichen Regionen ist notwendig. Kindergärten, flexibler Nahverkehr – selbst in den Randzeiten, Ärzte und Einkaufsmöglichkeiten im ländlichen Raum erhöhen dessen Attraktivität deutlich; schaffen eine solche Attraktivität überhaupt erst. Die berlinnahen Zentren fühlten eine Entlastung, vielleicht gar mit einer Steigerung der Lebensqualität. Land- und Stadtleben in den lebensnotwendigen Einrichtungen ausgeglichen gestalten, heißt, beiden Regionen gleichermaßen dienen.

Das Motto des in Überarbeitung befindlichen Landesentwicklungsplans lautet: „Wachstum ins ganze Land tragen.“ Welche Schwerpunkte und Lösungsansätze darin gesetzt werden und welche Fragen offenbleiben, werden wir in folgenden Beiträgen genauer unter die Lupe nehmen.


Der Artikel ist in Zusammenarbeit mit Michael E. Voges, Vorsitzender DIE LINKE Erkner, Gosen-Neu Zittau, entstanden. Er wurde in der Zeitung Widerspruch, Ausgabe Juni des Kreisverbandes DIE LINKE Oder-Spree veröffentlicht.

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