Eine Stadt darf nicht wie die Autobahn klingen

franzi/ April 2, 2019

Ein Tag gegen Lärm ist gut, 365 Tage gegen Lärm im Jahr wären nötig, meint Frankziska Schneider. Bild © Privat

Je näher ein Ort an Berlin liegt, desto mehr gleichen sich die Bilder: verstopfte Straßen, gestresste Menschen, belastete Natur, unsichere Schulwege und weitere Belastungen. Der Grund ist neben zunehmender Besiedlung der motorisierte Straßenverkehr. Lösungen gäbe es durchaus. Doch die sind politisch nicht gewollt, weil sich eine mächtige Lobby dagegen stemmt. Zudem schätzt der Mensch im Durchschnitt die mobile Freiheit für sich selbst höher ein, als den für alle angerichteten Schaden. Immer noch gibt es erstaunlich viele Zeitgenossen, die zu Hause strikt den Müll trennen und dann im fetten SUV (Geländelimousine) davonbrausen. Umweltschutz finden alle gut, solange er nicht gegen lieb gewordene Bequemlichkeit verstößt.

Doch das geht nicht mehr lange gut, die Folgen des weltweiten Schindluders mit der Natur werden immer dramatischer und eine wachsende Zahl von Wissenschaftlern warnt bereits jetzt, sie würden unumkehrbar sein.

Am 24. April 2019 findet der 22. „Tag gegen Lärm“ in Deutschland statt. Eine gute Gelegenheit, auf ein wichtiges Problem aufmerksam zu machen, das bei der Debatte über Umweltbelastungen bislang viel zu kurz kommt. Denn: Lärm ist eine Emission. Mit weitreichenden Folgen für Mensch und Tier. In hiesigen Breiten entsteht Lärm hauptsächlich durch Straßenverkehr, Flugzeuge sowie die Bahn. Aber auch Krach durch laute Streitereien oder stolz aufgedrehte Musikanlagen in der Nachbarschaft sollte vielen nicht unbekannt sein. Für den Menschen bedeutet Lärm Stress pur. Er wirkt auf den gesamten Organismus. Körperliche Reaktionen wie Konzentrations- oder Schlafstörungen sind bereits bei geringen Lärmpegeln messbar. Zu den möglichen Langzeitfolgen chronischer Lärmbelastung gehören neben Gehörschäden auch Veränderungen von Risikofaktoren (z. B. Blutfette, Blutzucker, Gerinnungsfaktoren), Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck und bestimmte Herzkrankheiten einschließlich -infarkt.

So ein „Tag gegen Lärm“ ist eine Gute Sache, aber viel zu wenig. Jeder Tag sollte einer gegen Lärm sein, wie auch gegen alle anderen Verhaltensweisen, mit denen wir Menschen viel zu schnell an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen.

Natürlich ist eine Veränderung individueller Handlungsweisen unabdingbar. Raus aus dem Auto und rauf auf das Rad, das schont die Umwelt und hilft der eigenen Gesundheit gewaltig. Aber ganz ehrlich: Es ist weder sozial noch gerecht, die Verantwortung für Folgen kommerziell motivierter Handlungen zu sozialisieren und die Lösung der Probleme den Opfern zu Übertragen. Denn wem nützt der Lärm? Der meiste Bus- und PKW-Verkehr entsteht durch Arbeitswege, dient also zum großen Teil den Arbeitgebern. Über Einkaufswege freuen sich ausschließlich die Betreiber von Supermärkten. Am Krach in der Luft verdienen Fluggesellschaften. Insofern entspringt der überwiegende Teil dieser Belastung der dem kapitalistischen System eigenen permanenten Förderung all dessen, was wenigen Vorteile zu Lasten Vieler verschafft.

Der kleine Schwenk sei erlaubt: Warum wurde die Energiewende in Deutschland vor Jahren laut angekündigt, und scheint nun jämmerlich zu verenden? Weil daran dann doch weniger zu verdienen war, als zuerst gedacht. Der kalten Logik des Kapitals zu folgen, dient nur dessen Vermehrung. Wofür eigentlich? Können Menschen zur Not Geld essen, trinken oder atmen?

Lärm vermeiden zu wollen, ist gleichbedeutend damit, die zerstörerischen Angriffe auf die Lebensgrundlagen von Mensch, Tier, Pflanzenwelt, letztlich auf den Planeten Erde beenden zu wollen, die in den zurückliegenden zwei Jahrhunderten so brutal durchgeführt wurden, dass der Schaden aus heutiger Sicht kaum noch zu heilen ist.

Aber wie denn? Mit einem Umdenken auf allen Ebenen. Wenn eine wirksame Minderung der Umweltbelastungen das ehrliche Ziel ist, dann sind ernstzunehmende Maßnahmen sofort in Griffweite. Das Ende des Verbrennungsmotors wäre nur für den Moment problematisch, nach kurzer Zeit dank technologischem Fortschritt vollkommen selbstverständlich. Verkehr sollte Orte umgehen, statt sie zu verstopfen. Und warum nicht groß denken? Leise Fahrzeuge ohne Emissionen müssen nicht auf Straßen fahren, die Konflikte mit der Natur erzeugen. Das kann auch gut in zwei bis drei Metern Höhe passieren. Für den Anfang wäre das mit Fahrrädern auszuprobieren. Entsprechende Hochstraßen werden in China zum Beispiel mit gutem Erfolg genutzt.

China hat einen Radschnellweg gebaut. In der Hafenstadt Xiamen testen Radfahrer zurzeit einen sieben Kilometer langen Hochradweg.

Der Artikel wurde in der Zeitung Widerspruch, Ausgabe April 2019 des Kreisverbandes DIE LINKE Oder-Spree veröffentlicht.

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