Stille Revolution

schneiderfranziska/ Juli 11, 2018

Wer verstehen will, was die zunehmende Digitalisierung tatsächlich bedeutet, ist mit einem Blick in die Geschichte gut beraten. Die erste Industrielle Revolution – sie brachte im 18. und im 19. Jahrhundert die Erfindung des Buchdrucks, der Dampfmaschine und der Eisenbahn – führte zu einem enormen Wandel der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse einer Vielzahl Betroffener. Arbeits- und Lebensumstände veränderten sich rasant und auf Dauer.

Im Film „Die Feuerzangenbowle“, für viele von uns noch heute Kult, gibt es eine Szene, die zeigt, wie schwer es damals schon war, technologische Prozesse verständlich zu erklären. Der Lehrer scheitert beim Versuch, seinen Schülern die Dampfmaschine zu erklären und sagt: „Die Dampfmaschine, dat is ein Loch, und alles andere kriegen wir später“.

Nun ist die dritte Industrielle Revolution, nach der zweiten – die fossile Brennstoffe, elektronische Kommunikation und das Auto brachte – im vollen Gange. Ein großer Teil der Bevölkerung hat zurecht das Gefühl, abgehängt zu sein. Erneuerbare Energien, Internet, Vernetzung und Verdatung auf allen Ebenen, wer soll da noch durchblicken? Und vor allem: Wohin führt das?

Grundsätzliche Logik: Karl Marx wusste Bescheid

Der Kapitalismus entwickelt die Produktivkräfte soweit, dass der Mensch als Hauptproduktivkraft neben den Produktionsprozess gestellt wird. Klingt vielleicht etwas dröge, aber bringt es auf den Punkt. Je weiter sich das System entwickelt, desto weniger wird die menschliche Arbeitskraft für die Produktion – sowohl materieller als auch ideeller Güter – benötigt. Am Ende gar nicht mehr.

Mit Beginn der Digitalisierung ist dieser Prozess nun massenwirksam geworden. Damit gehen enorme soziale und kulturelle, rechtliche und wirtschaftliche Probleme einher. Die Digitalisierung bedeutet durchaus Spaß und Kommunikation rund um die Welt und die Uhr. Im wesentlichen ist sie jedoch ein Teil der kapitalistischen Produktionsweise und erfüllt den Zweck der Profitoptimierung. Deshalb sind feste Regeln notwendig. Voraussetzung, diese zu entwickeln, ist jedoch das Verstehen.

Digitalisierung verstehen

Basis der Digitalisierung ist die Informatik. Diese Wissenschaft, stellt die Anwendungsmöglichkeiten für alle Prozesse der Digitalisierung bereit. Theoretisch oder praktisch? Beides.

Als Wissenschaft ist die Informatik eine hoch effiziente Produktivkraft. Deshalb wird sie für und durch die kapitalistische Produktionsweise stetig weiterentwickelt. Die notwendigen Investitionen sind schnell wieder eingespielt.

Um dieser enorm schleunigen Entwicklung nicht ohnmächtig gegenüberzustehen, ist es wichtig, Informatik breitenwirksam zu erklären und ein Verständnis dafür zu schaffen, wie sie funktioniert. Jeder Bürger sollte in der Lage sein, sich möglichst komplett informieren und positionieren zu können. Denn Informatik steckt so gut wie überall drin: Von modernen Produktions- bis zu Medizinsystemen – im Kern sind es Informatiksysteme. Bereits heute leben wir in einer „digitalen Gesellschaft“. Wer sich nicht auskennt, gehört in vielen Bereichen nicht mehr wirklich dazu. Während manche noch immer meinen, das Thema ordne sich ihrer vielleicht sogar abwertenden Meinung unter, hat sich die Digitalisierung längst zur Universalthematik entwickelt, indem sie in alle Gesellschaftsbereiche eingreift.

Digitalisierung begleiten

Der Mensch ist – so wie in den vorherigen industriellen Revolutionen – gezwungen, sich neu zu orientieren. Geht die Digitalisierung nicht einher mit der Ausgestaltung sozialer Gerechtigkeit, wiederholt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit die Massenverelendung vergangener Zeiten. Die Teilhabe der Menschen am gesamtgesellschaftlichen Umgestaltungsprozess zu sichern, ist jetzt Aufgabe der Politik.

Gleichzeitig mit dieser dritten Industriellen Revolution bedarf es also einer sozialen Revolution. Technologien wie der 3D-Druck oder Industrieroboter verändern die Stellung des Menschen im Produktionsprozess bereits heute grundlegend. Unmengen an menschlicher Arbeitskraft werden freigesetzt. Anstatt eines digitalen Prekariates benötigen wir deshalb soziale Absicherung, soziale Teilhabe.

Wenn wir von dieser Entwicklung nicht überfordert werden wollen, sind die politischen Grundlagen jetzt, nicht morgen, programmatisch zu erfassen, theoretisch zu fundieren und erste Schritte in der praktischen Politik einzuleiten. In diesem Zusammenhang sind die digitalen Grundrechte der Menschen zu sichern; praktische Politik muss im demokratischen Entscheidungsfindungsprozess ihre Effizienz wesentlich steigern.

Aktuell geht es jedoch in die gegenteilige Richtung. Im Wesentlichen konzentriert sich die Politik im 21. Jahrhundert auf den Kontrollaspekt des Digitalisierungsprozesses. Unter dem Deckmantel des Kampfes gegen den Terror werden grundlegende Rechte der Bürger eingeschränkt, wird die Basis für eine digitale Kontrollgesellschaft geschaffen. Anstatt weitere Ausspähungen der Bürger gesetzlich zu legitimieren, benötigen wir den Schutz unserer Privatsphäre im Internet. Die Digitalisierung als Prozess zeigt deutlich die Janusköpfigkeit menschlicher Entwicklung.

Digitalisierung kann sowohl positiv als auch negativ auf die menschliche Gesellschaft wirken. In welche Richtung es gehen soll, haben wir heute noch in der Hand. Kommen wir jetzt nicht ins Handeln, wird es bald schon zu spät sein.


Der Artikel wurde in der Zeitung Widerspruch, Ausgabe Juli des Kreisverbandes DIE LINKE Oder-Spree veröffentlicht.

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